Das Experiment
Ich muss Euch etwas erzählen. Aber das Tippen fällt mir schwer. Ich versuche die Tasten zu treffen, aber ich erwische sie kaum. Meine Hände zittern zu sehr. Vor Angst. Wenigstens ist Carina heute da, sonst könnte ich Euch gar nicht schreiben. Denn der Computer unten ist kaputt. Carina ist eingesprungen, weil die Nachtschwester krank geworden ist. Ich versuche mir bei ihr nichts anmerken zu lassen, aber ich weiß nicht ob es klappt.
Letzte Nacht hab ich das Experiment gemacht. Ich wollte ein guter Traumpilot sein. Ich hab mich vorbereitet, so gut ich konnte. Vor dem Einschlafen hab ich immer wieder die gleichen Worte vor mich hingeflüstert: Ich werde träumen und wenn ich einen Baum sehe, werde ich wissen, dass ich nur träume! Genau so wie Devona es mir gesagt hat. Und ich hab mir ganz fest vorgenommen aufzuwachen, wenn sie wiederkommen. Die schrecklichen Bilder.
Erst ist auch alles gut gegangen. Ich hab geträumt, dass ich fliege. Das war sehr schön. Ich bin einen weißen Strand entlang gesegelt. Es war der gleiche Strand, von dem ich neulich schon mal geträumt hab. Der mit den Palmen. Ich hab das blaue Meer und die Wellen wieder gesehen. Aber diesmal waren es keine Fetzen, alles war ganz klar und deutlich. Es hat sich angefühlt, als wäre ich wirklich da und nicht mehr in meinem Zimmer.
Doch auf einmal hab ich gemerkt wie ich die Kontrolle über meinen Flug verliere. Es war, als hätte heimlich jemand anders das Steuer übernommen. Ich hab nach unten geschaut und plötzlich veränderte sich alles. Das Wasser war nicht mehr blau, sondern tiefschwarz wie Tinte. Und da wo eben noch die Sonne am Himmel gestanden hat, war nun die schmale Sichel des Mondes. Etwas zog mich runter auf die Erde. Ich wollte nicht, aber ich konnte nichts dagegen machen. Knack, Knack.
Ich gehe einen Weg entlang. Mitten durch einen dunklen Wald. Ich sehe die vielen Bäume um mich herum und möchte sofort aufwachen. Aber es will mir nicht gelingen. Ich gehe weiter bis der Weg zu Ende ist und stehe am Ufer eines Sees. Der Wind pfeift. Ich schaue mich um, aber es ist so finster, dass ich die Hand vor meinen Augen nicht sehen kann. Plötzlich merke ich, dass mich jemand beobachtet. Aus dem Wald löst sich ein Schatten, der langsam auf mich zukommt.
Und mit einem Mal weiß ich, was gleich geschehen wird. Hier an diesem verlassenen Ort. Ich weiß, warum ich hergekommen bin. Und warum ich zurückgekommen bin auf die Erde. Ich hab damals nicht alles geschafft. Ich bin noch nicht fertig. Ich hab ein Zeichen bekommen. Einmal muss ich es noch tun. Töten. Ein letztes Mal. Und ich weiß auch wann. In vier Tagen. Am 12. Dezember. Hier an diesem See. Das ist mein Auftrag!
