Freunde in der Not
Als ich noch neu war in Karlshort, sind die anderen Kinder erst mal ganz schön gemein zu mir gewesen. Ich weiß noch wie mich Frau Dux vorgestellt hat an meinem ersten Tag und wie alle in der Klasse die Nase gerümpft haben. Na ja, ich hab halt auch damals schon ein bisschen komisch ausgesehen. Viel zu dünn und klein für mein Alter. Aber ich war ja auch schon krank damals.
Hinten links war noch ein Platz frei. Neben einem Jungen, der einen lustigen gelben Pullover angehabt hat. Ich hab mich neben ihn gesetzt und Frau Dux zugehört, die etwas über die Geschichte von Karlshorst erzählt hat. Mitten in der Stunde hat mir der Junge neben mir auf einmal eine Mandarine rüber geschoben auf die er mit einem Filzstift ein Brillengesicht gemalt hatte. Sah aus wie das Gesicht von Frau Dux und ich musste laut loskichern. So war das als ich Jonas kennen gelernt hab.
Wir haben uns von Anfang an echt super verstanden. Jonas und ich. Seine Eltern sind bei einem Autounfall gestorben als er sieben Jahre alt war und er hat keine Geschwister. Zum Glück bin ich mit ihm auch auf ein Zimmer gekommen. Wir sind ein gutes Team, er und ich. Ich hab ihm bei den Matheaufgaben geholfen. Und er mir beim Sport. Ich konnte ja nie so richtig mitmachen, weil mein Kopf immer so weh getan hat. Wenn die anderen mich deswegen gehänselt haben, ist Jonas wütend geworden und hat gesagt, die sollen mich gefälligst in Ruhe lassen.
Gestern wusste ich anfangs nicht, wie ich den braunen Sack hier raus bekommen soll. Ich hab erst an Picasso gedacht. Aber dem hätte ich dann alles erzählen müssen. Das mit den schrecklichen Bildern in meinem Kopf. Und der hätte es dann ganz bestimmt Carina weiter gesagt. Und dann hätte ich den Salat gehabt. Da hatte ich plötzlich die Idee mit Jonas. Ich hab ihm eine Nachricht geschrieben, er soll Frau Dux sagen, dass er heute wieder zum Fußballtraining geht, so wie neulich. Er wusste gleich bescheid.
Nach dem Mittagsessen stand er pünktlich wie abgemacht in meinem Zimmer. Er hat zu mir gesagt, dass er nur wenig Zeit hat und ich hab ihm kurz erklärt, was er machen soll. Auf der Rückfahrt am Ostkreuz kurz aussteigen und das Säckchen übergeben. Das Gute an Jonas ist, das er nicht so viele Fragen stellt. Auf ihn kann man sich wirklich verlassen, wenn man mal in der Klemme sitzt. Ich hab ihm dann noch gesagt, er soll elf Mandarinen in den Sack tun, aber ohne rein zu sehen. Als Nikolausgeschenk für meine Freunde, die versuchen mir zu helfen. Das fand ich sehr wichtig, denn ich wollte Euch damit etwas zeigen. Das ich das Gefühl hab, ich kann mich auch auf Euch verlassen. Hat das mit der Übergabe geklappt?
