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13. Dez 2007

Mein Geständnis

Heute Abend hab ich es nicht mehr ausgehalten. Eigentlich hab ich mir fest vorgenommen, es ihr nie zu sagen. Ich wollte doch nicht, dass sie traurig ist. Und dass sie weint. Wegen mir. Ich wollte es für mich behalten. All das, was passiert ist nach dem ich bei Doktor Tiefensee war. Ich wollte nicht darüber reden. Nicht mit ihr. Über die schrecklichen Bilder und Stimmen.

Ich weiß, ihr wolltet ja, dass ich es viel früher tue. Aber ich hab mich die ganze Zeit nicht getraut. Heute Abend hab ich es dann doch gemacht. Ich hab Carina alles erzählt. Ich hab ihr gesagt, was ich gesehen hab. Dass ich mich schuldig fühle und dass ich dafür die Verantwortung übernehmen muss. 

Carina hat sehr traurig ausgesehen und ich glaube, sie hätte fast angefangen zu weinen. Aber dann hab ich ihr gesagt, dass ich weiss, wie sie mir helfen kann. Und hab ihr von meiner Idee erzählt auf die mich lawdwarf gebracht hat. Als ich fertig war, hat Carina mich ganz lange angesehen. Dann hat sie mir über den Kopf gestreichelt und gesagt, dass ich ein tapfer kleiner Junge sei.

Sie sagte, sie kenne da jemanden, der mich verteidigen könne. Er sei der Beste auf seinem Gebiet. Robert. Der könne mir ganz bestimmt helfen. Versprechen könne sie mir nichts, denn Robert hätte immer viel zu tun. Aber sie sei ganz zuversichtlich, dass ich einen Termin bekomme. Sie würde ihn gleich anrufen.

Ich weiß nicht, ob sie es schon gemacht hat, aber ich werde sie gleich fragen, wenn sie rein kommt, um den Laptop zu holen. Ich hab so gehofft, dass ich eine Nachricht von euch bekomme. Das Letzte was ich gehört hab war, dass ihr die Sternwarte gefunden habt. Das war gestern. Ich mache mir solche Sorgen und Vorwürfe. Wenn ich bloß wüßte, was mit euch geschehen ist!

11. Dez 2007

Zeichen

Carina hat mir mal eine seltsame Geschichte erzählt. Es ging um ihre Tante. Sie hat sie sehr gemocht. Sie hat zu mir gesagt, dass sie immer eine ganz besondere Verbindung zu ihr gehabt hat. Auch wenn sie sich die beiden gar nicht so oft gesehen haben, denn sie hat in einem kleinen Häuschen am anderen Ende der Stadt gewohnt.

Eines Tages hat Carina zusammen mit ihren Eltern im Wohnzimmer gesessen. Sie waren gerade beim Mittagessen. Plötzlich hat es einen lauten Schlag gegeben. Erst wussten Carina und ihre Eltern gar nicht genau was los war. Aber dann haben sie auf dem Fußboden etwas liegen sehen. Eine Uhr, die diee Tante mal den Eltern geschenkt hat.

An der Stelle von der Geschichte hat Carina angefangen zu weinen und sie konnte erst mal gar nicht weiterreden. Und dann hat sie mir gesagt, dass ihre Tante am gleichen Tag gestorben ist. Der Arzt hat gemeint, es sei etwa um die Mittagszeit gewesen. Etwa zu der Zeit als die Uhr von der Wand gefallen ist

Carina meint, dass sich manche Dinge ankündigen im Leben, gute und schlechte. Man kann sie erkennen, wenn man wachsam ist. Omen. So hat sie diese Dinge genannt. Vorzeichen. Ich hab das Wort im Lexikon nachgeschlagen, obwohl ich noch gar nicht bei O war. Aber ich fand es sehr interessant.

Ich versuche immer wachsam zu sein. Und auf Dinge zu achten, ob ich Zeichen sehe, die etwas ankündigen. Ich weiß nicht ob es ein Zeichen ist, aber letzte Nacht bin ich plötzlich aus meinem Traum gerissen geworden. Es hat laut geknallt so wie damals in Carinas Wohnzimmer. Das Bild von dem Kometen. Es ist runter gefallen.

10. Dez 2007

Traurig und verzweifelt

Ich hab so gehofft auf gestern Abend. Es hat mir doch so geholfen, mich mit euch zu unterhalten am Freitag. Ich war neugierig, was ihr am Wochenende so alles gemacht habt. Und ich wollte natürlich auch wissen, ob ihr was rausgekriegt habt. Und ob ihr mir erklären könnt, was mein neuer schlimmer Traum zu bedeuten hat. Es ist mir nicht leicht gefallen, aber am Nachmittag hab ich es geschafft, mich wieder ein bisschen zu beruhigen.

Ich hab es sogar hingekriegt, Carina zu überreden, ausnahmsweise etwas länger zu bleiben, damit ich den Laptop benutzen kann. Um mich auf das Treffen mit euch einzustimmen, hat sie mir noch die zweite Kerze an meinem Adventskranz angezündet. Kurz vor Acht Uhr hab ich dann den Computer angeschaltet und die Nachricht von Morpheus gefunden. Ich fand es schade, dass ihr gestern keine Zeit für mich gehabt habt und ich war sehr traurig.

Heute geht es mir gar nicht gut. Ich bin verzweifelt. Es sind nur noch zwei Tage, dann ist Mittwoch. Der Tag, an dem ich es wieder tun werde. Das weiß ich genau. Ich hab es gesehen. Ich hab mir so gewünscht, die Wahrheit zu erfahren. Über mein voriges Leben. Über die beiden Männer, die ich schon umgebracht hab. Ich hab gedacht, damit kann ich es aufhalten. Das was Übermorgen passiert. Ihr wart meine letzte Hoffnung!

8. Dez 2007

Das Experiment

Ich muss Euch etwas erzählen. Aber das Tippen fällt mir schwer. Ich versuche die Tasten zu treffen, aber ich erwische sie kaum. Meine Hände zittern zu sehr. Vor Angst. Wenigstens ist Carina heute da, sonst könnte ich Euch gar nicht schreiben. Denn der Computer unten ist kaputt. Carina ist eingesprungen, weil die Nachtschwester krank geworden ist. Ich versuche mir bei ihr nichts anmerken zu lassen, aber ich weiß nicht ob es klappt.

Letzte Nacht hab ich das Experiment gemacht. Ich wollte ein guter Traumpilot sein. Ich hab mich vorbereitet, so gut ich konnte. Vor dem Einschlafen hab ich immer wieder die gleichen Worte vor mich hingeflüstert: Ich werde träumen und wenn ich einen Baum sehe, werde ich wissen, dass ich nur träume! Genau so wie Devona es mir gesagt hat. Und ich hab mir ganz fest vorgenommen aufzuwachen, wenn sie wiederkommen. Die schrecklichen Bilder.

Erst ist auch alles gut gegangen. Ich hab geträumt, dass ich fliege. Das war sehr schön. Ich bin einen weißen Strand entlang gesegelt. Es war der gleiche Strand, von dem ich neulich schon mal geträumt hab. Der mit den Palmen. Ich hab das blaue Meer und die Wellen wieder gesehen. Aber diesmal waren es keine Fetzen, alles war ganz klar und deutlich. Es hat sich angefühlt, als wäre ich wirklich da und nicht mehr in meinem Zimmer.

Doch auf einmal hab ich gemerkt wie ich die Kontrolle über meinen Flug verliere. Es war, als hätte heimlich jemand anders das Steuer übernommen. Ich hab nach unten geschaut und plötzlich veränderte sich alles. Das Wasser war nicht mehr blau, sondern tiefschwarz wie Tinte. Und da wo eben noch die Sonne am Himmel gestanden hat, war nun die schmale Sichel des Mondes. Etwas zog mich runter auf die Erde. Ich wollte nicht, aber ich konnte nichts dagegen machen. Knack, Knack.

Ich gehe einen Weg entlang. Mitten durch einen dunklen Wald. Ich sehe die vielen Bäume um mich herum und möchte sofort aufwachen. Aber es will mir nicht gelingen. Ich gehe weiter bis der Weg zu Ende ist und stehe am Ufer eines Sees. Der Wind pfeift. Ich schaue mich um, aber es ist so finster, dass ich die Hand vor meinen Augen nicht sehen kann. Plötzlich merke ich, dass mich jemand beobachtet. Aus dem Wald löst sich ein Schatten, der langsam auf mich zukommt.

Und mit einem Mal weiß ich, was gleich geschehen wird. Hier an diesem verlassenen Ort. Ich weiß, warum ich hergekommen bin. Und warum ich zurückgekommen bin auf die Erde. Ich hab damals nicht alles geschafft. Ich bin noch nicht fertig. Ich hab ein Zeichen bekommen. Einmal muss ich es noch tun. Töten. Ein letztes Mal. Und ich weiß auch wann. In vier Tagen. Am 12. Dezember. Hier an diesem See. Das ist mein Auftrag!

6. Dez 2007

Nikolaus



Ich hab heut leider nicht viel Zeit, weil Carina ihr Laptop braucht. Fünf Minuten hat sie mir erlaubt, dann muss sie weg. Ich wollte euch nur schnell zeigen, was ich Tolles zum Nikolaus bekommen hab. Ein Bild von Björn. Und einen Film noch dazu. Ich hab mich riesig gefreut! Danke Björn! Ich melde mich morgen wieder! Gute Nacht!

5. Dez 2007

Freunde in der Not

Als ich noch neu war in Karlshort, sind die anderen Kinder erst mal ganz schön gemein zu mir gewesen. Ich weiß noch wie mich Frau Dux vorgestellt hat an meinem ersten Tag und wie alle in der Klasse die Nase gerümpft haben. Na ja, ich hab halt auch damals schon ein bisschen komisch ausgesehen. Viel zu dünn und klein für mein Alter. Aber ich war ja auch schon krank damals.

Hinten links war noch ein Platz frei. Neben einem Jungen, der einen lustigen gelben Pullover angehabt hat. Ich hab mich neben ihn gesetzt und Frau Dux zugehört, die etwas über die Geschichte von Karlshorst erzählt hat. Mitten in der Stunde hat mir der Junge neben mir auf einmal eine Mandarine rüber geschoben auf die er mit einem Filzstift ein Brillengesicht gemalt hatte. Sah aus wie das Gesicht von Frau Dux und ich musste laut loskichern. So war das als ich Jonas kennen gelernt hab.

Wir haben uns von Anfang an echt super verstanden. Jonas und ich. Seine Eltern sind bei einem Autounfall gestorben als er sieben Jahre alt war und er hat keine Geschwister. Zum Glück bin ich mit ihm auch auf ein Zimmer gekommen. Wir sind ein gutes Team, er und ich. Ich hab ihm bei den Matheaufgaben geholfen. Und er mir beim Sport. Ich konnte ja nie so richtig mitmachen, weil mein Kopf immer so weh getan hat. Wenn die anderen mich deswegen gehänselt haben, ist Jonas wütend geworden und hat gesagt, die sollen mich gefälligst in Ruhe lassen.

Gestern wusste ich anfangs nicht, wie ich den braunen Sack hier raus bekommen soll. Ich hab erst an Picasso gedacht. Aber dem hätte ich dann alles erzählen müssen. Das mit den schrecklichen Bildern in meinem Kopf. Und der hätte es dann ganz bestimmt Carina weiter gesagt. Und dann hätte ich den Salat gehabt. Da hatte ich plötzlich die Idee mit Jonas. Ich hab ihm eine Nachricht geschrieben, er soll Frau Dux sagen, dass er heute wieder zum Fußballtraining geht, so wie neulich. Er wusste gleich bescheid.

Nach dem Mittagsessen stand er pünktlich wie abgemacht in meinem Zimmer. Er hat zu mir gesagt, dass er nur wenig Zeit hat und ich hab ihm kurz erklärt, was er machen soll. Auf der Rückfahrt am Ostkreuz kurz aussteigen und das Säckchen übergeben. Das Gute an Jonas ist, das er nicht so viele Fragen stellt. Auf ihn kann man sich wirklich verlassen, wenn man mal in der Klemme sitzt. Ich hab ihm dann noch gesagt, er soll elf Mandarinen in den Sack tun, aber ohne rein zu sehen. Als Nikolausgeschenk für meine Freunde, die versuchen mir zu helfen. Das fand ich sehr wichtig, denn ich wollte Euch damit etwas zeigen. Das ich das Gefühl hab, ich kann mich auch auf Euch verlassen. Hat das mit der Übergabe geklappt?

4. Dez 2007

Die Klinke

Neulich hab ich irgendwo gelesen, dass die Menschen ihre Gewohnheiten brauchen. Dinge, die sie immer wieder genau so machen. Dinge, die sich niemals verändern, egal was passiert. Dadurch würden wir mit dem Leben irgendwie besser klar kommen, hat in dem Buch gestanden.

Carina zum Beispiel geht immer eine Rauchen, nachdem sie mein Bett frisch bezogen hat. Von Picasso weiß ich, dass er malt, wenn er sich schlecht fühlt. Und Professor Müller fährt einmal im Jahr in die Schweiz zum Bergsteigen, hat er mir erzählt. Ja, sogar Frau Dux hat eine Angewohnheit. Sie züchtet seltene Pflanzen, die es hier nicht gibt.

Ich hab mir auch etwas angewöhnt. Immer wenn ich geschlafen hab und die Augen aufmache schau ich als erstes auf die Türklinke. Immer wenn ich sie sehe, weiß ich, ich bin noch da. Und solange ich noch da bin, glaube ich, dass ich irgendwann wieder rauskomme, hier aus diesem Zimmer. Egal, was die Ärzte sagen. Die Klinke ist meine Hoffnung.

So hab ich das auch heute gemacht, als ich nach dem Mittagsschlaf wach geworden bin. Ich hab die Augen aufgemacht und nach der Türklinke geschaut. Aber es war nicht wie sonst. An der Klinke hing nämlich etwas dran. Ein kleiner brauner Sack. Erst hab ich mich gefreut. Ich hab gedacht, der Nikolaus ist dieses Jahr zu früh dran.

Ich bin aus dem Bett geklettert, bin in meine Hausschuhe geschlüpft und bin die paar Schritte bis zur Tür gegangen. Unterwegs ist mir ein bisschen schwindelig geworden, aber ich hab mich auf den Beinen halten können. Ich war ja auch so neugierig, was in dem Sack drin ist. Vielleicht ein Geschenk? Von Björn? Der wollte mir doch was zum Nikolaus schenken!

Ich hab den Beutel aufgemacht und ganz vorsichtig reingefasst. Drin war etwas, das sich angefühlt hat wie kleine flache Scheiben. Aber ich konnte nicht richtig erkennen was es ist. Ganz vorsichtig hab ich eine der Scheiben aus dem Sack genommen. Es war ein Foto, auf das etwas drauf geschrieben war. Mit der Hand. Ein Foto von einem Baum.

Das war der Moment, in dem mir der Sack aus der Hand gefallen ist. Denn ich hab ihn wieder erkannt, den Baum. Es ist der Baum hinter dem ich mich versteckt hab. Der Baum, den ich gesehen hab, als die Lampe geflackert hat. Der Baum, hinter dem ich gestanden hab, als der Mann gestorben ist.

Ich hab Angst. Ich fürchte mich davor, was noch in dem Sack drin ist. Ich traue mich nicht da noch mal rein zu fassen. Und ich fürchte mich vor dem Unbekannten, der heute in Nachmittag in meinem Zimmer war, der meine Klinke angefaßt hat. Woher weiß er, wer ich bin?  Und wieso kennt er die schrecklichen Bilder in meinem Kopf?

3. Dez 2007

Neue Schatten

Heute Nacht hab ich es versucht. Ich wollte meine Träume lenken. So wie Ines es mir gesagt hat. Ich wollte noch mal hin zu dem dunklen Ort, um raus zu finden, wer der Mann ist, den ich getötet hab. Ich wollte nachsehen, was in seiner Zeitung steht. An der Stelle wo er etwas rot angestrichen hat.

Um Zehn bin ich plötzlich müde geworden. Fast wäre mir beim Lesen das Buch aus der Hand gerutscht. Bevor ich das Licht ausgemacht hab, hab ich mir noch mal meine Zeichnungen angesehen und versucht mich ganz doll auf den Ort zu konzentrieren. Ich weiß nicht wie lange ich so dagelegen hab. Aber irgendwann muss ich eingeschlafen sein. Denn da war es wieder, das Licht der Lampe. Es begann zu flackern, ganz schwach. Knack, knack.

Es ist dunkel um mich herum. Ich kann gerade so viel, erkennen, dass ich diesmal woanders bin. Nicht in dem Haus. Ich bin irgendwo im Freien. Ich stehe hinter einem Baum und beobachte einen Mann. Es ist ein anderer Mann. Da bin ich mir sicher. Er trägt keinen Anzug. Und er hält eine Flasche in der Hand. Auf einmal ist der Mann verschwunden. Ich weiß nicht wo er hin ist, ich höre nur wie eine Tür ins Schloss fällt.

Ein Moment lang ist es ganz still. Mir ist kalt und ich friere. In die Ferne bellt ein Hund. Ein Auto fährt nah an mir vorbei. Und dann ist da plötzlich dieses seltsame Geräusch. Es klingt so ähnlich wie beim Zahnarzt, wenn der einem mit seinen Geräten im Mund rumstochert. Ein lautes Röcheln. Ich höre wie der Mann versucht zu atmen, aber er kriegt keine Luft mehr. Es kommt nur noch ein lautes Pfeifen. Ich höre einen dumpfen Schlag. Wie wenn ein Tisch umfällt. Knack, knack.

Ihr habt es doch nur gut gemeint mit mir. Ihr wolltet mir helfen. Ihr habt mir erklärt, wie ich es anstelle, meine Träume zu lenken. Aber ich fürchte, ich hab es nicht richtig gemacht. Ich bin an einen anderen Ort gekommen. Einen Ort, an dem ich erfahren habe, das alles noch viel schlimmer ist. Seit letzter Nacht hab ich diesen furchtbaren Verdacht. Ich glaube, ich hab es nicht nur einmal gemacht. Nein, ich hab noch mehr Menschen getötet!

2. Dez 2007

Der lila Fleck

Ich glaub, ich hab heute eine wichtige Spur entdeckt! Sie war die ganze Zeit da, schon seit meiner Geburt. Ich meine die lila Stelle über meiner Hüfte. Picasso hat damals gelacht, als er sie zum ersten Mal gesehen hat. Wir waren im Bad und er hat mich gewaschen. Da hat er den dunklen Fleck entdeckt und gerufen: Hey, das Ding sieht ja aus wie Sylt!

Ich wusste nicht genau was er damit meint und was Sylt ist, weil ich doch da gerade erst angefangen hab mit dem Lexikon. Aber Picasso hat mir dann erklärt, dass Sylt eine Nordseeinsel ist mit schönen langen Stränden. Palmen gibt’s da wohl nicht dafür aber viel Wind. Picasso hat schon mal Ferien da gemacht und nur so geschwärmt.

Warum das so wichtig ist? Na ja, ich hab noch mal über alles nachgedacht. Über meinen Geburtstag und an das, was danach passiert ist. Mir ist noch etwas eingefallen. Bevor es losging mit der Rückführung hat Doktor Tiefensee von einem Freund und Kollegen erzählt. Ian aus Kanada. Er ist dieses Jahr gestorben und Doktor Tiefensee hat ganz traurig ausgesehen, als er von ihm gesprochen hat.

Der Doktor hat gesagt, dass dieser Ian sehr viel mit Kindern wie mir zusammengearbeitet hat. Leider steht in den Büchern, die ich hier hab nichts über ihn drin. Aber ich hab ihn heute im Internet gefunden. Er heißt Ian Stevenson und war ein bekannter Forscher.  Als ich heute von ihm gelesen hab, hat mein Herz plötzlich ganz laut angefangen zu klopfen. Er hat viele Beweise gesammelt, um der Welt zu zeigen, dass es die Wiedergeburt wirklich gibt. Dabei ist ihm etwas aufgefallen. Viele Kinder, die er untersucht hat, hatten seltsame Spuren am Körper. Narben, Missbildungen oder Muttermale! 

Die komische Stelle an meiner Hüfte war zwar schon immer da. Aber noch nie hab ich sie mir so genau angeschaut wie heute. Was hat sie zu bedeuten? Was hab ich Böses gemacht in meinem letzten Leben? Und wie kann ich es wieder gut machen? Je länger ich den lila Fleck anstarre, desto unheimlicher wird er mir.

30. Nov 2007

Beweise lügen nicht

Heute Mittag hab ich es einfach nicht mehr ausgehalten. Ich bin runter gegangen an den Computer, hab 50 Cent eingeworfen und geschaut, ob ich neue Nachrichten hab. Von Morpheus hab ich es dann erfahren. Das was gestern Nacht passiert ist. Das sind keine Albträume. Sie sind echt, die Bilder in meinem Kopf. 

Nachdem ich es gelesen hab, hat sie mich wieder gepackt, die Angst. Ich bin die Treppen hoch gerannt so schnell ich konnte. Ich hab die Tür von meinem Zimmer zugeknallt und hab mich unter die Decke verkrochen. Das hab ich früher auch immer gemacht, wenn ich mich gefürchtet hab. 

Ich hab gehofft, dass die Angst verschwindet unter meiner Decke. Aber dann bin ich plötzlich sehr müde geworden. Und bin eingeschlafen. Und dann sind sie wiedergekommen, die Bilder. Die Lampe, sie hat wieder angefangen zu flackern. Auf einmal war ich wieder in dem dunklen Haus, zusammen mit dem Mann. 

Aber diesmal sehe ich alles noch viel deutlicher. Knack, knack. Ich höre wie der Mann lacht. Sehe wie ich zudrücke. Und wie der Mann zu Boden fällt. Ich knie mich neben ihn hin und hebe etwas vom Boden auf. Es ist eine Zeitung, Sie ist ihm aus der Manteltasche gefallen. Darin hat er etwas angekreuzt. Mit einem roten Stift. 

Was es ist, kann ich nicht erkennen. Aber stattdessen sehe ich etwas anderes. Etwas, das oben am Rand steht. Etwas, das so schlimm ist, das ich vor lauter Schreck davon aufgewacht bin. Das Datum. Die Zeitung ist nicht von heute, sie ist schon alt. Sehr alt. Sie ist vom Donnerstag, dem 16. September 1997. 

Ich habe es also getan. Beweise lügen nicht. Ich habe einen Mann getötet. In meinem letzten Leben. Woher wüsste ich sonst davon? Wer der Mann ist, weiss ich nicht. Warum  ihn umgebracht hab, auch nicht. Ich, weiß nur eins, dafür werde ich büssen müssen.

29. Nov 2007

Die Schatten auf meiner Seele

Picasso hat mir mal erzählt, was er tut, wenn er traurig oder verzweifelt ist. Er malt. Es hilft, wenn man sich die Schatten  von der Seele zeichnet, hat er mal zu mir gesagt. Heute Nacht als ich mich nicht getraut hab einzuschlafen, hab ich an ihn gedacht. Ich hätte so gerne mit ihm geredet, aber Picasso hat diese Woche Urlaub. Mitten in der Nacht bin ich aufgestanden und hab die Stifte aus dem Schrank genommen, die er mir geschenkt hat. Ich hab versucht die schrecklichen Bilder zu zeichnen, damit ich sie wieder loswerde. Aber sie werden immer deutlicher, sobald ich meine Augen zu mache.

In Karlshorst musste ich mal die Glühbirne im Keller wechseln. Keiner von uns wollte da runter. Wir haben alle Angst gehabt. Wir haben Streichhölzer gezogen und mich hat’s erwischt. Es war unheimlich. Von der Decke hing eine nackte Birne an einem Draht. Sie hat ausgesehen wie ein Tennisball. Und sie hat Geräusche gemacht. So wie wenn Jonas mit seinen Fingerknöcheln knackt. Genauso hat sich das angehört. Die Lampe ging an und aus, und jedes Mal hat es geknackt. Ich hab natürlich genau gewusst: Auf der einen Seite hängt die Bettwäsche zum Trocknen, mit den Handtüchern. Und auf der anderen stehen die Körbe mit unseren Hosen und T-Shirts. Aber das Licht hat doller gezittert als ich selbst, und ich hab Angst gehabt, hinter den Laken würde ein Mann stehen und mich holen.

Wenn ich die Augen zu mache und an meine Rückführung denke ist es so wie an dem Tag im Heim. Die schmutzige Lampe flackert. Knack, knack. Immer wenn es hell ist, sehe ich kurz diese Bilder. Ich sehe wie ich niederknie an einem ruhigen Ort. Ganz in der Nähe ist eine Straße. Und ein hoher Schornstein. Dann gehe ich einen langen Tunnel entlang. Am Ende des Tunnels treffe ich auf einen Mann. Der Mann hat einen Anzug an und wartet auf mich in einem alten Haus. Ich gehe hinein und rede mit ihm. Plötzlich fängt der Mann an zu lachen. Ganz laut. Er hört gar nicht mehr auf. Ich weiß nicht über was der Mann lacht. Als er sich zu mir umdreht, trete ich von hinten an ihn heran. Ich lege ihm ein Seil um den Hals und drücke zu. Ganz langsam, bis der Mann nicht mehr atmet.

Was sind das für Bilder?  Wo kommen die her? Bin ich einem Albtraum gefangen, der kein Ende hat? Bin ich gar nicht hier in meinem Zimmer, sondern immer noch in der Praxis bei Dr. Tiefensee, gefangen in der Hypnose? Sind das Bilder aus meinem früheren Leben? Oder kommt das alles bloß von dem Ding in meinem Kopf? Am Liebsten würde ich mich selbst auf den Weg machen und den Ort suchen, den ich sehe, wenn ich die Augen schließe. Horatio Caine würde das schließlich auch tun. Wenn ich wirklich einen Menschen getötet hab, dann ist er ja vielleicht noch dort, in dem alten Haus. Aber ich bin viel zu schwach. Carina hat richtig Ärger bekommen mit Professor Müller wegen unserem Ausflug an meinem Geburtstag. Er hat wohl doch nichts davon gewusst. Wenn ich ihr jetzt von den Bildern und Schatten erzähle wird sie ganz bestimmt noch mehr Ärger kriegen. Wer kann mir bloß helfen?

28. Nov 2007

Pandoras Büchse

Hätte ich doch nur auf Jonas gehört. Wäre ich doch bloß nicht so ungeduldig gewesen mit dem Geschenk. Vielleicht hätte ich es dann aufhalten können. Vielleicht wäre es gar nicht rein gekommen. In mein Zimmer, in meinen Kopf, in meine Welt. Das Böse und Schreckliche, das mich jetzt umgibt.

Dabei hat mein Geburtstag noch so schön angefangen. Mit dem Geschenken, dem Ständchen und den Glückwünsche von meinen Freunden. Als ich mit Carina in dem kleinen Cafe gesessen hab, hat sie es mir endlich verraten. Wir haben Käsekuchen gegessen und dabei hat sie es mir erzählt, was die Überraschung ist. Eine Reise. In mein früheres Leben.

Ich hab mich riesig gefreut. Über Rückführungen hab ich ja schon viel gelesen.  Wir sind dann rüber gegangen in die Praxis von Dr. Tiefensee. Das ist der Arzt, bei dem ich die Reise gemacht hab. Seine Praxis ist in einem tollen Haus gleich um die Ecke von dem Cafe wo ich mit Carina war.

Der Doktor war sehr nett zu mir und hat mir erst mal eine heiße Milch mit Honig gemacht. Dann musste ich meine Schuhe ausziehen und mich auf eine Matratze legen. Carina war dabei und hat mich mit zwei Decken gut eingepackt. Es war richtig gemütlich und ich war sehr gespannt.

Dann hat der Doktor geredet. Unglaublich lange. Seine Stimme war sehr sanft und schön. So wie der Typ auf meinen Hörspielen. Er hat mir viele Fragen gestellt. Nach meinen schönsten Erlebnissen. Wo es mir mal gefallen hat. Dann sollte ich nur noch an den tollsten Ort auf der Welt denken und meine Augen schließen.

Plötzlich bin ich sehr müde geworden. Und irgendwann hat mich der Doktor gefragt, ob ich einen großen Schalter sehe. Ich sollte in meinen Gedanken den Schalter mit Klebeband festdrücken, damit er nicht immer wieder zurückflutscht. Das hat geklappt. Der Schalter hat gehalten und ich bin in einen Fahrstuhl gestiegen.

Im Fahrstuhl war ein Schild mit vielen Knöpfen. Ich durfte mir einen aussuchen. Ich hab auf die Elf gedrückt. Dann ruckelte es und ich fuhr nach unten. Sehr lange. Als die Tür endlich aufgegangen ist, hab ich einen Schritt nach vorne gemacht, bin ausgestiegen und hab ich mich umgeschaut. Aber ich sah überhaupt nichts. Alles war schwarz um mich herum.

Ich bin wohl eingeschlafen. Einfach so. Als ich wach geworden bin war es draußen schon dunkel. Ich wusste erst gar nicht wo ich war. Erst als ich Carina und den Doktor gesehen hab, ist es mir wieder eingefallen. Und auf einmal waren sie da. Diese Bilder und Stimmen. Drin in meinem Kopf . Ganz verschwommen. Wie wenn man kurz vor dem Aufwachen ist.

Ich hab erst gedacht, ich hätte einen Albtraum gehabt während der Rückführung. Aber dann in der Nacht sind sie wieder gekommen. Sie werden immer deutlicher. Jedes mal wenn ich schlafe. Es sind schreckliche Bilder. Sie machen wir Angst. Ich hab schon versucht sie zu zeichnen. Haben Sie etwas mit meinem früheren Leben zu tun? Oder sind es nur Träume?

Carina hab ich nichts davon erzählt. Sie hat es doch nur gut gemeint mit der Überraschung. Sie wollte mir zeigen, dass danach noch was kommt. Ich bin selbst Schuld an allem. Wäre ich bloß nicht so neugierig gewesen. Ich bin müde, aber ich traue mich nicht einzuschlafen. Ich fürchte mich so, besonders vor den Stimmen.

26. Nov 2007

Happy Birthday to me!

ICH BIN SO FROH! Ich weiß nicht, ob es nur an meinem Geburtstag liegt oder ob ich mich auch sonst so gut fühlen würde. Ist ja auch egal, alles, was bisher heute geschehen ist, war einfach unglaublich toll: Zuerst wurde ich von der Station mit einer riesigen Schwarzwälder-Kirsch-Torte geweckt. Mit Kerzen drauf. Von der habe ich jetzt schon so viele Stücke gegessen, dass ich das Mittagessen ausfallen lassen musste. Und durfte.

Jede Stunde schaut jemand anderes bei mir vorbei. Picasso, mit dem ich einen Kartentrick geübt habe. Madee, die philippinische Krankenschwester, die mir ein Geburtstagslied aus ihrer Heimat vorgesungen hat. Ja, sogar  Professor Müller, der mir nagelneue Skateboardturnschuhe vorbeigebracht hat. Und natürlich Carina, die mir zwar immer noch nicht verraten hat, was die Überraschung ist, aber die mir ihren Laptop dagelassen hat.

Deswegen hab ich jetzt die Möglichkeit, mich bei all meinen neuen Freunden zu bedanken, die mich in den letzten Tagen hier besucht haben. Und die mir so nett zum Geburtstag gratuliert haben. Vielen lieben Dank an Ingo, Matthias, Chris, Barbara & Schoko, Sibee, Calavere, Ines, Düsi, Björn, Romek, Morpheus, Tina, Phantasmagoria, Farina (komisch, ich hab immer noch keine Post von dir bekommen) und all diejenigen, die ich in der Eile vergessen hab. Wenn ihr wollt, teilt mir doch mit, wann ihr Geburtstag habt, dann gratuliere ich euch auch und schenke euch was. Also, schreibt mir ruhig wieder. Ich freue mich schon auf Post von euch.

Hey, Carina war grad da und hat gesagt, dass ich mich fertig machen soll zum Abmarsch. Ich zieh mir jetzt gleich meine Turnschuhe an und dann geht’s endlich los. Sieht ziemlich kalt aus da draußen, trotz Sonne. Jedenfalls ein schöner Tag, um mal wieder hier raus zu kommen. Ich bin sooooo gespannt auf die Überraschung. Ich schreib euch morgen auf jeden Fall wie es war.

25. Nov 2007

Geschmult

Okay, was soll ich sagen. Ich hab’s getan. Ich hab mein Versprechen gebrochen. Das Versprechen, das ich Jonas gegeben hab. Aber ich hab es einfach nicht mehr ausgehalten heute Mittag. Das Päckchen hat mich die ganze Zeit über angelächelt. So als würde es zu mir sagen: „Öffne mich jetzt!“ Ja, ja, ja…ich weiß! Jonas hat gesagt, das bringt Unglück, hab ja erst morgen Geburtstag. Aber ich war halt so neugierig und da hab ich das Geschenk aufgemacht. 

Zum Vorschein kam ... ein Zauberkasten! Cool! So einen wollte ich schon immer haben. Muss mich morgen gleich bei Jonas bedanken. Mit den Dingen aus dem Kasten kann man ganz viele tolle Tricks machen. Tricks mit Karten, Würfeln, Seilen, Tinte, Bällen und Streichhölzern. Ich hab gleich mal in der Anleitung gelesen. Witzig finde ich den Abschnitt mit den Geldscheinen. Man borgt sich zum Beispiel von einem nichts ahnenden Zuschauer einen fünfzig Euro Schein, faltet den mehrmals zusammen und am Ende kommt ein kleiner 5 Euro Schein raus, den man dann lachend zurückgibt. Geht ganz leicht. Ich hab den Trick gleich mal an Picasso ausprobiert. Der war so begeistert, dass ich die fünfzig Euro danach behalten konnte. Als vorgezogenes Geburtstagsgeschenk für morgen.

Ich hab Picasso gefragt, ob ich jetzt Angst haben muss, weil ich nicht abgewartet habe bis zu meinem Geburstag. Picasso hat gemeint, ich soll mir deswegen keine Sorgen machen. Das sei Aberglaube. Das sei schließlich nicht die Büchse der Pandorra oder so ähnlich. Ich weiß leider nicht, was es mit dieser Büchse auf sich hat. Aber es klang irgendwie beruhigend, was Picasso gesagt hat. Werde gleich nochmal im Lexikon nachschauen. Ich bin ziemlich aufgeregt wegen morgen. Was ich wohl von Carina geschenkt kriege? Bald werde ich es wissen.

22. Nov 2007

Überraschung

Heute war ein wunderschöner Tag. Und das nicht nur weil endlich mal wieder die Sonne in meiner Zimmer hinein geblinzelt hat. Schon als ich heute Morgen die Augen aufgeschlagen hab, ging’s mir richtig super. Klare Drei auf der Skala. Das Tollste aber war der Besuch von Jonas. Hätte nie gedacht, dass Frau Dux das erlaubt. Den langen Weg von Karlshorst bis zu mir. Ganz allein. Aber Jonas hat einfach gesagt, er geht zum Sport. Typisch.

Hab mich riesig gefreut, als er in der Tür stand. Ist ja schon so lange her. Ich habe wohl ziemlich viel verpasst in Karlshorst, aber Jonas hat mir erzählt, was alles passiert ist, seit dem ich hier bin. Er hat mir sogar ein Geburtstagsgeschenk mitgebracht. Er hat aber gleich dazu gesagt, dass ich es wirklich erst in vier Tagen aufmachen soll. Das bringt sonst Unglück, hat er gemeint. Und das kann ich ja nun gar nicht gebrauchen.

Über unsere Wette haben wir heute kein Wort gesprochen. Ich meine, die mit dem Lexikon. Und auch nicht darüber, dass er sie wohl gewinnen wird. Stattdessen haben wir lieber Pläne geschmiedet, was wir noch alles zusammen unternehmen wollen. Die Idee mit der Party am Strand fand er übrigens echt cool. Ein Strand mit Palmen. Und hohen Wellen. Und Musik. Beim Pläneschmieden haben wir glatt die Zeit vergessen und plötzlich musste er dann ganz schnell los, damit Frau Dux nichts merkt.

Ich hab eben gerade noch mal das Päckchen geschüttelt, hab aber noch nicht raus gefunden, was drin ist. Picasso hat mich dabei ertappt und nur gelacht. Er sagt, was immer es ist, ich würde auf jeden Fall noch etwas noch viel Abgefahreneres bekommen. Von Carina. Etwas, was noch keiner bekommen hat, den er kennt. Was das wohl sein mag? Bin echt gespannt! Noch vier Mal wach werden...

21. Nov 2007

Bitte lächeln!

Ich hab heute lange mit Carina geredet. Über sie und mich. Das ich nicht will, dass sie wegen mir traurig ist. Über das was danach kommt. Und über Wiedergeburt. Zuerst hab ich gedacht, sie würde mich nicht ernst nehmen, als ich davon anfing. Aber sie hat mir sogar zugestimmt und ist auf einmal ganz still geworden. Sie hat gesagt, sie glaubt ganz fest daran. Ich müsste keine Angst haben. Dann hab ich Carina noch die Geschichte von den Zwillingen im Bauch der Mutter erzählt. Die kannte sie noch gar nicht. Aber ich glaube, sie hat ihr gefallen. Jedenfalls war sie auf einmal völlig abwesend und meinte, ich hätte sie vielleicht auf eine Idee gebracht. Mehr hat sie nicht gesagt.


Dann haben wir noch ein bisschen mit meiner Perücke rumgealbert. Ich hab Carina überredet, sie mal aufzuprobieren. Erst wollte sie nicht, aber dann hat sie es doch gemacht. Mir zuliebe. Hab sogar ein Foto davon. Ist leider ein bisschen verwackelt. Also ich finde ja, ich sehe mit dem Teil nicht so krank aus wie sie :-)

20. Nov 2007

K wie Karma

Hab mich inzwischen wieder beruhigt nach der schlechten Nachricht von gestern. Okay, auf Professor Müller bin ich immer noch ziemlich wütend. Ich kann es nicht leiden, wenn die Leute nicht ehrlich zu mir sind. Wollte ihn heute bei der Visite deswegen zur Rede stellen, aber dann ist nur eine Vertretung gekommen.

Heute Nacht konnte ich lange nicht einschlafen. Ich habe viel gegrübelt und mich in meinem Bett herumgewälzt. Plötzlich ist mir etwas klar geworden. Ich weiß jetzt, woher meine Angst kommt. Die Angst hier nie wieder raus zu kommen war in Wahrheit die Angst, fort gehen zu müssen. Für immer. Als mir das klar geworden ist, habe ich mich gleich besser gefühlt.

Ich bin froh, dass mir Carina gesagt hat, wie es wirklich um mich steht. Ist natürlich hart, aber jetzt weiß ich wenigstens genau woran ich bin. Ich hab mir jedenfalls vorgenommen, mich nicht hängen zu lassen. Ich will Carina ja nicht noch mehr Kummer machen. Nicht das sie wieder weint. Ich will nicht, dass Carina wegen mir unglücklich ist.

Ungerecht ist es ja irgendwie schon, dass ausgerechnet mir so was passiert. Viel hab ich ja vom Leben noch nicht mitgekriegt. Ich war noch nie verreist, jedenfalls nicht so richtig. Das meiste kenne ich aus Büchern. Mein Lexikon werde ich auch nicht mehr ganz schaffen und Jonas wird unsere Wette wohl gewinnen. Hoffentlich brauche ich da, wo ich hingehe, die Buchstaben L bis Z nicht, ich bin ja erst bei K.

Letzte Nacht hab ich auch über das nachgedacht, was ich unter „Karma“ gelesen habe. Karma war neulich mal mein Wort des Tages. Die Idee von der Wiedergeburt wie Sie im Buddhismus vorkommt gefällt mir wirklich gut, muss ich sagen. Je schwächer ich mich fühle, desto besser finde ich sie. Irgendwie gibt mir der Gedanke neuen Mut.

19. Nov 2007

Die Wahrheit

ES WAR NICHT IHR LOVER!!!!! Ich war es. Ich! Meinetwegen hat sie am Samstag so geheult. Und ich wundere mich gerade warum ich es nicht auch tue. Aber es wollen einfach keine Tränen kommen. Vielleicht ist das der Schock. Carina hat mir heute die Wahrheit verraten. Den wahren Grund weshalb Professor Müller meine Chemo abgesetzt hat. Die Nebenwirkungen waren einfach zu stark, sie waren schuld an meiner Lungenentzündung. Noch mal so eine Geschichte würde ich nicht überleben, meinen die Ärzte. Den Tumor aber auch nicht. Die haben mich jetzt schon zum hundertsten Mal in diese Röhre geschoben und jedes Mal ist das Teil zwischen den Walnussscheiben größer geworden. Das heißt im Klartext: Meine Uhr tickt.

Ich werde wohl keine Schmerzen haben. Hoffentlich. Aber wer weiß das schon. Carina sagte, ich dürfe nun auf gar keinen Fall mehr die Klinik verlassen. Ich könnte jederzeit ohnmächtig werden. Zusätzlich bekomme ich Pillen gegen epileptische Anfälle und soll darauf achten, ob meine Arme anfangen zu kribbeln. Auf Professor Müller bin ich ganz schön sauer weil er mir nicht gesagt hat, wie es wirklich um mich steht. Vor lauter Wut wollte ich den Zettel mit meinen 11 Punkten zerreißen. Hab’s dann aber gelassen. Steht ja eh erst einer drauf.
 

17. Nov 2007

Seltsam

Auch heute bin ich wieder gut drauf. Die erste Drei seit Wochen. Ganz im Gegensatz zu Carina. Bei der Blutabnahme heute Morgen hat sie kaum mit mir gesprochen. Und als ich ihr von den tollen Neuigkeiten erzählte, hat sie sich gar nicht richtig gefreut. Komisch. Ich hab natürlich gefragt, was los ist. Habe da so einen Verdacht. Bestimmt hat es mit dem zerknitterten Foto zu tun, was sie immer mit sich rumschleppt. Glaub nicht, dass der Typ auf dem Bild ihr Freund ist. Vielleicht ihr Ex? Sieht etwas älter aus als sie, aber wie ein Filmstar. Könnte bei CSI gut einen Anwalt spielen. Letztes Mal, als sie mir das Bild gezeigt hat, hat sie noch so komisch gelächelt. Aber als ich sie heute darauf ansprach, fing sie plötzlich an zu weinen und ist aus dem Zimmer gerannt. Irgendwie schon schade – über mich weiß sie fast alles und mir erzählt sie kaum etwas von sich. Aber auf der anderen Seite ist das auch irgendwie logisch. Wie könnte ich ihr schon helfen? Hier allein in meinem Zimmer.

16. Nov 2007

Hoffnungsschimmer

Ich glaube, heute ist mein Glückstag. Professor Müller war gerade da. Erst hab ich gedacht, es sei irgendetwas Schlimmes passiert. Denn er hat noch ein wenig ernster dreingeschaut als sonst, als er sich am Fußende meines Bettes aufgebaut und sich nach meinem Befinden erkundigt hat. Aber dann hat er mir mitgeteilt sie würden die Chemo absetzen. Es geht jetzt auch ohne. Das waren seine Worte. Kurz und trocken, so wie er eben ist, der Professor. Noch bevor ich richtig verstanden hatte, was er gerade gesagt hatte, war er wieder draußen.

Jetzt sitze ich hier und kann mein Glück kaum fassen. Ich habe nämlich immer den Verdacht gehabt, dass mich die Pillen noch viel mehr krank gemacht haben als das Ding in meinem Kopf. Damit ist jetzt Schluss. Vor lauter Freude habe ich gleich versucht Carina anzurufen. Die ist heute nicht da. Leider habe ich sie noch nicht erreicht. Sie wollte irgendwas organisieren. Hoffentlich eine Überraschung für meinen Geburtstag. Aber eigentlich brauche ich die jetzt gar nicht mehr. Hauptsache ich komme hier endlich wieder raus.

Ich habe beschlossen mir jetzt als Erstes einen Wunschzettel anzulegen. Mit 11 Punkten (11 ist meine Lieblingszahl) was ich alles mache, wenn ich draußen bin. Platz eins weiß ich schon. Ich würde gerne mal Urlaub am Meer machen. Am besten mit einer Party am Strand. Es ist ein bisschen peinlich, aber ich war noch nie am Meer. Jonas hat mich deswegen immer aufgezogen, obwohl der auch erst einmal an der Ostsee war. Egal, zu meiner Beachparty würde ich ihn natürlich trotzdem einladen. Ist doch klar!

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